Schlagwort: Prozessarbeit

  • Frau Holle

    Frau Holle

    Das Märchen von Frau Holle kennen wir alle noch aus der Kindheit.
    Goldmarie sticht sich an einer Spindel, diese fällt in einen Brunnen und Marie springt hinterher. Sie landet bei Frau Holle und wird am Schluss für ihren Fleiss mit Gold überschüttet. Sie kehrt zur Stiefmutter und Stiefschwester zurück und diese sind verwundert. Die Stiefmutter schickt ihre eigene Tochter los damit diese noch mehr Gold nach Hause bringen möge. Doch sie ist faul und frech und am Schluss erhält sie den Lohn für ihre Arbeit: Sie wird mit Pech überschüttet. So weit, so gut.

    Doch diese Märchen beinhaltet eine Analogie oder besser ausgedrückt, eine tiefere Wahrheit über des Menschen Seelenreise.

    Der Brunnen

    Aus der Armut, Not und aus Angst vor ihrer bösen Stiefmutter, springt Goldmarie in den Brunnen, ihrer verlorenen Spindel hinterher.
    Innere Prozesse und äussere Begebenheiten welche uns an einen Punkt führen, wo wir nicht mehr weiterwissen, führen unweigerlich dazu, dass wir uns mit unserem Innenleben auseinandersetzen müssen. Der Brunnen ist sowohl Symbol für unser Unterbewusstsein, unsere tiefsten Emotionen, Muster, Beweggründe.
    Er symbolisiert jedoch auch eine Schwelle oder Tor zur Anderswelt oder der geistigen Welt. Eben jene Welt jenseits der Materiellen.
    Der Abstieg Maries in den Brunnen zeigt also, wie sie notgedrungen beginnt, sich mit ihrem Innenleben auseinander zu setzen. Der Weg in den Brunnen scheint in gewisser Weise nicht freiwillig zu sein. Sondern er beginnt, wenn «Altes» einfach nicht mehr funktioniert.

    Frau Holle

    Nun, Frau Holle ist eigentlich die Wächterin des Tores zur Innenwelt. Sie ist weder nett noch grausam, sondern ordnend.
    Man bekommt nicht was man will, sondern was dem inneren Zustand entspricht.
    Sie steht für die innere Wahrheit, das Gewissen (oder Selbstregulation) und somit eigentlich für das höhere Selbst.
    Spannend ist ja auch, dass der Holunderbusch bei den Kelten genau das repräsentierte. Er war das Tor zur Anderswelt, galt als heilig und als sehr starke Heilpflanze. Er war der Wohnsitz der Göttin Holda (später Frau Holle), welcher der Busch seinen Namen zu verdanken hat.

    Das Brot

    Als Goldmarie auf der Wiese erwachte, hörte sie die Brote nach ihr rufen damit sie sie aus dem Ofen holen möge.
    «Der Laib Brot» kann als Sinnbild für den eigenen Körper verstanden werden. Psycho-emotionale Krisen gehen sehr oft mit körperlichen Beschwerden (Symptomen) einher. Der Geist und die Seele haben uns schon länger versucht auf ein Ungleichgewicht in unserem Innenleben aufmerksam zu machen. Doch diese Stimmen sind oft leise und können, vor allem zu Anfang, leicht überhört oder auch ignoriert werden. Das letzte Sprachrohr ist dann der Körper. Diese Signale sind meist unüberhörbar weil sie Schmerzen oder gar Krankheiten auslösen können.
    Das Herausziehen der Brote mit dem Schieber kann hier als Symbol dafür genommen werden, dass Goldmarie die Signale ihres Körpers ernst nimmt. Sie ignoriert sie nicht mehr, sondern geht in die Handlung.

    Der Apfelbaum

    Der Apfel, Frucht und Gegenstand von Erkenntnis und Wissen. Newton erhielt Erkenntnis über die Gravitation als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel. (So besagt die Legende). Eva naschte vom Apfel und verlor das Paradies der Unwissenheit. Sie lebte vorher nach den äusseren, von Anderen gemachten Gesetzen. (Etwas ketzerisch könnte man auch von blindem Gehorsam sprechen)

    Nach dem sie vom Apfel gegessen hatte, erlangte sie Selbstwahrnehmung, Urteilskraft, inneres Erleben und somit im übertragenen Sinne auch Freiheit.
    Avalon, die Apfelinsel aus der keltischen Sagenwelt gilt bis heute als «innerer Ort zwischen den Welten». Ein Ort an dem man Erkenntnis, Wissen und Heilung erfährt. (Der Name Avalon leitet sich vom keltischen Wort abal oder afal ab: Apfel.)
    Goldmarie wird nun vom Apfelbaum gebeten, ihn zu rütteln und zu schütteln, damit die reifen Äpfel herunterfallen und gesammelt werden können. Sprich, durch ihre Reise ins Innere, der Verbindung mit ihren Emotionen und ihrem höheren Selbst, warten einige Erkenntnisse auf sie. Sie sind so zu sagen überreif und warten nur darauf, im richtigen Moment gepflückt zu werden.
    In all diesen Bildern steht der Apfel für Erkenntnis, die nicht mehr rückgängig zu machen ist.

    Hausputz

    Frau Holle, als höhere Instanz oder besser gesagt als Instanz der (inneren) Ordnung, weisst Goldmarie liebevoll aber direkt darauf hin, wo noch etwas aufzuräumen und zu putzen ist. Dabei reicht es nicht um die Möbel und Gegenstände herum zu putzen. Sie muss die Möbel verschieben und die Gegenstände anheben um auch darunter putzen zu können. Sie sieht das kleinste Stäublein.
    Das kann man als Analogie dazu nehmen, dass wir oft in unserer Schattenarbeit scheinbar immer wieder mit den gleichen Themen konfrontiert werden. (Man putzt um die schöne Vase der Grossmutter herum. Sie wird etwas verschoben und der Staub darunter kommt zum Vorschein. Und obwohl man geputzt hat ist es nun wieder dreckig. Da wir das „Verschieben“ vielleicht nicht direkt mitbekommen haben, glauben wir, an dieser Stelle doch schon geputzt zu haben)
    Was einem als oft «das Selbe» vorkommt, ist jedoch nur ein Hinweis darauf, das ein Aspekt noch anzuschauen, zu verarbeiten, zu verinnerlichen ist.
    Oft findet man sich mit den Gedanken konfrontiert: «Ich mache keine Fortschritte. Ich komme nicht voran.» Frau Holle, respektive eben der eigene innere Hausputz, lehrt uns jedoch immer genauer hinzuschauen und auch die kleinsten Unterschiede und Fortschritte in einer vermeintlich gleichen Situation zu sehen und zu würdigen. (Man wird sich plötzlich des verschiebens der Vase bewusst)
    Und Goldmarie ist fleissig und unermüdlich dabei, die kleinsten Stäubchen zu beseitigen, auf welche sie Frau Holle aufmerksam macht.

    Goldmarie und Pechmarie

    Am Ende ihrer Zeit bei Frau Holle, wird Goldmarie von Frau Holle durch den Torbogen geschickt der sie mit Gold überzieht. Sie kommt reich belohnt und strahlend zu Hause bei ihrer Stiefmutter und ihrer Stiefschwester an.
    Sie strahlt vor Erkenntnis, innerer Aufgeräumtheit und Eigensouveränität.
    Ihre Schwester, Pechmaire, ist darauf sehr neidig. Sie sieht jedoch nur die «äussere» Veränderung und ist sich nicht gewahr, was Goldmarie für einen anstrengenden und harten inneren Prozess durchgearbeitet hat. Sie will auch «gülden» sein und strahlen und glänzen. Nachdem Goldmarie ihr die ganze Geschichte erzählte, machte sie sich auf, das Gleiche zu erleben.
    Doch weder hörte sie auf ihren Körper (Brote), noch mochte sie ihre inneren Themen genauer anschauen um Erkenntnis (Apfel) zu erhalten. Auch war sie nicht gewillt die mühselige und aufreibende Hausarbeit (Schattenarbeit) bei Frau Holle zu erledigen. Ihr Lohn am Ende der Dienstzeit war die Überschüttung mit klebrigem Pech.

    Was hier jedoch zu erwähnen ist: weder ist das Gold eine Belohnung, noch ist das Pech eine Bestrafung. Es sind lediglich die Folgen der eigenen Haltung gegenüber der „inneren Arbeit“ und in welcher Form oder Intensität es einem möglich gewesen ist, diese zu vollziehen.
    Auch sind natürlich Gold und Pech nicht materiel und physisch zu verstehen, sondern es geht hier wirklich um eine innere Qualität die aussen spür- und sichtbar wird. Während Goldmarie Eigensouveränität, Weisheit und Aufgeräumtheit ausstrahlt, wirkt Pechmarie distanziert von ihrem wahren Kern, verschlossen und ablehnend.
    Das Pech symbolisiert hierbei all die nicht betrachteten, nicht aufgeräumten und nicht integrierten Muster und Seelenanteile. Die Teile, in denen in uns Trigger entstehen können. Sie sind klebrig, kommen immer wieder und bringen unser Emotionsleben stark in Wallung.

    In dem Märchen geht es nicht darum zu zeigen, wer besser als der Andere ist oder wer fauler, träger oder gleichgültiger ist. Pechmarie war die innere Arbeit in dem Moment nicht möglich. Das ist die Aussage und ein Appell daran, nicht vorschnell über einen Menschen zu urteilen. Wir sehen ja immer nur das, was der Mensch uns zeigen mag oder das was wir von aussen sehen.
    Pechmarie wird durch ihr anhaftendes Pech, respektive eben die nicht aufgeräumten Muster und Emotionen immer wieder die Gelegenheit bekommen, hinzuschauen, zu erkennen, anzunehmen und zu integrieren.
    Die Pechmarie ist nicht für immer verloren oder muss ihr Leben nun in Dunkelheit und Schande verbringen.
    Die geistige Welt oder die Anderswelt bieten immer wieder Chancen Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen, die innere Arbeit anzugehen und «Pech» in «Gold» zu verwandeln.

    Ein oft übersehener Aspekt:
    Frau Holle ordnet die Welt, indem sie die Decken und Kissen schüttelt. Es heisst sie bringt innere Prozesse, Verdrängtes, Unbewusstes in Bewegung, arbeitet es durch, lockert es auf. Der Schnee der aus dem Bettzeug fällt, fällt ja nicht in Frau Holles Welt, sondern in die Menschenwelt. Dies ist symbolisch dafür:

    Wenn es in deinem Leben schüttelt und rüttelt, erinnere dich daran:
    Frau Holle ordnet vielleicht gerade neu und macht den Weg frei für deine innere Arbeit – mit liebevoller Unterstützung der geistigen Welt.